Die Totenkronen aus Vahle


Von Dr. Schäfer

(Abbildungen: 1, 2, 3, 4, 5, 6)

Der Brauch der Totenkronen ist bei Protestanten und Katholiken in ganz Mitteleuropa verbreitet gewesen. Unverheiratete Personen, Jungen und Mädchen, erhielten beim Tode eine Totenkrone. Diese stellte man bei der Beerdigung auf das Kopfende des Sarges, oder man gab sie den Toten in die Hand. Nach der Beerdigung brachte die Totenfrau die Totenkrone zurück und Angehörige stellten sie auf den Altar, bis ein Tischler einen Holzkasten mit einer Epitaphientafel gefertigt hatte. Die Stifter der Krone waren meist die Eltern, in einigen Gegenden auch die Paten.

Das Brauchtum hatte zum einen die Symbolik der im Tode vollzogenen Hochzeit der Ledigen, so daß die Totenkrone gleichsam als Brautkrone anzusehen ist. Denn nach christlicher Auffassung war die Verehelichung für jeden Menschen notwendig. Zum andern symbolisierte die Totenkrone die Jungfräulichkeit. ( Virginität ).

Während es den Totenkranz bereits seit der Antike gab, sind Totenkronen erst für das 16. Jahrhundert belegt. In der Göttinger Gegend wurden sie auch Kinderkronen genannt. Dort kauften die Paten des Kindes bei einer Putzmacherin eine Krone. Dagegen war es in einigen Gegenden auch üblich, daß bei einem verstorbenen Jungen die Mädchen, bei einem verstorbenen Mädchen die Jungen zur Totenkrone beitrugen.

Zur Zeit der Aufklärung waren die Totenkronen außer Mode gekommen, kamen im Biedermeier aber wieder auf. Allerdings bleiben die Abbildungen von Totenkronen auf Grabsteinen seit der Mitte des 18.Jahrhunderts verschwunden. Die Kapelle in Vahle wurde 1792 gebaut, die älteste erhaltene Totenkrone aus Vahle ist aus dem Jahre 1814, die jüngste von 1875.

Insgesamt sind 27 Totenkronen aus diesem Zeitraum überliefert. Auf dem Kissen, auf denen die textilen Totenkronen ruhen, sind häufig die Initialen der Verstorbenen eingestickt. Eine textile Totenkrone von 1823 im Kasten von 1814 zeigt, daß die Kästen auch spätere textile Totenkronen von Familienmitgliedern aufgenommen haben. Die älteste Totenkrone von 1814 birgt auch die meisten Merkwürdigkeiten. Sie beeinhaltete zwei Totenkronen, und eine Totenkrone ist der Mutter des verstorbenen Jungen, also einer verheirateten Frau, gewidmet.

Neben den Totenkronen gab es auch Kränze, die ebenfalls seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Glaskästen aufbewahrt wurden, um sie besser zu erhalten. In dieser Zeit kam es auch auf, Kränze und auch Haarkränze aus Haaren der verstorbenen Person zur privaten Erinnerung im Haus aufzubewahren.

 

Widerstände gegen den Brauch

Im 17.Jahrhundert nahmen die Verordnungen bzgl. des Aufwandes zu, wobei man "Luxus" für die einzelnen Stände verschieden definierte. So gab es 1748 und 1767 Verordnungen in Lübeck. Da man das Brauchtum nicht mit Erfolg verbieten konnte, wurden in einigen Gemeinden Leihkronen aus Metall angeschafft und in einer Lade aufbewahrt. Sie wurden für alle Beerdigungen benutzt.

Eine Verordnung des Herzoglichen Consistoriums zu Wolfenbüttel von 1834 sieht im Brauch der Totenkronen einen Mißbrauch der Kirchen. Ob man die Vorbehalte gegen die Totenkronen in Vahle kannte, oder ob man sie nicht als Kirchendenkmäler einordnete- ein Fragebogen über die Kirchendenkmäler der Kapellen-Gemeinde von 1896 erwähnte die Totenkronen nicht, wohl aber die Deckenmalerei, die das Leben Jesu zeigen und für das man das Jahr 1792- das Jahr der Kapellenerrichtung- als Entstehungszeit vermutete.

Der Brauch der Totenkronen beschränkte sich in Vahle auf die wohlhabende Schicht der Ackerleute. Erst in den 1860er und 1870er Jahren gab es Ausnahmen, als ein Großkotner, ein Hufschmied und ein Pflasterleger (Maurer) Totenkronen für ihre Kinder stifteten. Alle Stifter von Totenkronen stammen aus dem oberen Drittel des Dorfes, wie eine Spenderliste für die Anschaffung einer Orgel 1876 zeigt.

 

Die Krone besteht aus einem Kissen mit langen breiten Seidenschleifen, bei einem Knaben wölbte sich über das Kissen eine Blumenkrone, bei Mädchen wurden ein Blumen-, bzw. Perlenkranz um das Kissen gelegt. In der Mitte des Kissens, des sogenannten Schlummerkissens, steht der Name. Die Totenkrone hing über dem Kirchstuhl der Mutter wie in Weende und Jühnde oder am Kircheneingang. Bei den Totenkronen aus Vahle besteht zwischen Mädchen- und Jungentotenkronen dagegen kein Unterschied. Auch sind auf den Schlummerkissen nicht die Namen sondern allenfalls die Initialen eingestickt. Die Kästen hingen in Vahle am einzig verbleibenden Platz über dem Altar bis zur Empore.

Die Totenkronen bestehen aus farbigem Papier um ein Drahtgestell. Dabei gibt es regionale Unterschiede im Material und in der Ausfertigung. Die älteren Totenkronen aus Vahle sind kleiner und vom Material vielfältiger als die jüngeren.

Auf der Epitaphientafel sind Geburts- und Sterbedaten sowie Stifer der Krone genannt. Meist sind dies die Eltern. Jedoch treten bei älteren Verstorbenen auch Geschwister als Stifter auf.

 

Die Totenkronen selbst lassen sich grob in drei Gruppen einteilen: Eine frühe Gruppe bis um 1840, eine mittlere Gruppe bis etwa 1865 und eine späte bis 1875. Die Totenkronen unterscheiden sich dabei wenig. Es gibt sogar Kopien. Allein schon durch die lange Zeitspanne zwischen der frühesten und der ältesten ergibt sich, daß die Epitaphientafeln und Kästen von mehreren Tischlern hergestellt worden sind. Über sie ist allerdings ebensowenig bekannt wie über die Hersteller der Kronen. Charakteristisch für die erste Gruppe ist der aufgesetze Kasten, der auf einer Konsole der Epitaphientafel ruht.

Ein Engelskopf unter der Tafel, der durch Flügel und Kopf mit der Tafel verbunden ist, charakterisiert die zweite Gruppe. Die Engel sind jeweils an der Seite der Epitaphientafel und auch unter der Tafel angebracht, wobei Geschwister-Totenkronen zwei Engel unter der Epitaphientafel aufweisen.

In der dritten Gruppe besteht das Epitaph nur noch aus einer Tafel ohne Ornamente. Die Engel sind durch Tauben ersetzt. Die Ornamente sind sparsam verwandt, feine Sägearbeiten schließlich auf ein Minimum reduziert. Die Totenkrone von 1875 hat nur noch ein schlichtes Epitaph, die Taube ist aber wieder durch ein Engelskopf ersetzt. Bis 1875 werden auch die Eintragungen knapper. Eltern ( Namen und Stand), Tag und Stunde des Todes und Todesart fehlen. Von den in der Regel drei Vornamen wird meist nur einer genannt.

Dagegen erfahren die Ornamente an den Glaskästen keine Veränderungen. Die Unterseite der Kastendeckel und der Konsolenbretter bleiben bei allen Totenkronen bemalt.

Zum Epitaph gehört auch ein Vers, dessen Orthographie sehr eingewillig ist. In der Regel spricht ein verstorbenes Kind zu seinen Eltern, aber auch Eltern richten sich an ihre Kinder. Daneben gibt es allgemeine Verse in der dritten Person. Ein zweites verstorbenes Kind richtet sich meist an seine früher verstorbene Schwester oder seinen verstorbenen Bruder. Ein Dialog zwischen den Eltern und dem Kind ist eine Ausnahme. Einige Verse sind auf verschiedenen Epitaphien verwandt worden.

Die Totenkronen lassen viele Fragen offen. Denn die Vergabe scheint, betrachtet man die überlieferten Totenkronen, nicht einheitlich gewesen zu sein. So ist für die 1847 zweijährige Tochter von Fischer im Gegensatz zur 1844 verstorbenen, keine Totenkrone überliefert. Auch der 1848 verstorbene Sohn von Kerl erhielt im Gegensatz zum 1844 verstorbenen Bruder keine Totenkrone. Ebenso gibt es für den 1850 verstorbenen 19-jährigen Sohn von Fischer keine Totenkrone, wohl aber für dessen 1846 verstorbenen 23-jährigen Bruder. Dagegen erhielten beide Kinder von Spenger 1840 und 1850 Totenkronen.

Starben die Kinder kurz hintereinander, so erhielten sie eine gemeinsame Epitaphientafel, so 1845 Grever, 1844 Fischer. Ob die Totenkrone für beide verwandt wurde, ist nicht bekannt. Das Kissen, auf dem die Totenkrone ruht, trägt aber in beiden Fällen die Initialen des zuletzt verstorbenen Kindes.

Die Totenkronen sind 1969 im Zuge von Restaurierungsarbeiten aus der Vahler-Kapelle entfernt worden. Die Verbrennung der Totenkronen konnte verhindert werden. Von den ursprünglich 27 Totenkronen befinden sich zwei im Heimatmuseum Northeim, eine in Oedelsheim, zwei wieder in der Kapelle in Vahle und der Rest im Museum Uslar.

Zur Erhaltung der Epitaphientafeln mit ihrer Bemalung aus wasserlöslicher Leimfarbe, der Kästen un der eigentlichen Totenkronen sind langwierige Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten nötig, um den Zerfall der Totenkronen dieser wohl größten Totenkronensammlung zu verhindern. Daher kann nur eine begrenzte Anzahl von Totenkronen ausgestellt werden.


Mühlentor 4
D-37170 Uslar
Tel.: +49-5571-307141
Öffnungszeiten: täglich außer montags 15-17 Uhr

© 1998