Albrecht Hövener, Bürgermeister, gest. 1357

Stralsund, Nikolaikirche
260 x 130 cm
flämische Arbeit

Rudolf von Bünau, Domherr, gest. 1505

Naumburg, Dom
135 x 60 cm
entworfen von Ulrich Kreuz, Bildhauer;
wahrscheinlich hergestellt von
PeterVischer d. Ä.

Abreibungen gravierter Metallgrabplatten des 14. bis 17. Jahrhunderts aus Mittel- und Norddeutschland

 

Die hier gezeigten Bilder sind Abreibungen von gravierten Messingplatten, die sich auf Gräbern in alten Kirchen und Domen in Mittel- und Norddeutschland befinden. Schon als Kinder haben wir alle eine Münze abgepaust, und das Verfahren in der Herstellung dieser Bilder ist im Prinzip dasselbe. Man legt ein Stück Papier auf das Original und paust es mit einem harten Stift durch. Das Resultat ist ein Negativ; die erhabenen Flächen werden schwarz, die eingeschnittenen Linien bleiben weiß.

In Deutschland gibt es heutzutage verhältnismäßig wenige gravierte Platten, da viele während der Reformation und Gegenreformation, des Dreißigjährigen Krieges und dem Zweiten Weltkrieg zerstört worden sind.

Die noch im mitteldeutschen Raum vorhandenen Platten befinden sich in Freiberg, Meißen, Lübeck, Nordhausen, Erfurt, Zeitz, Naumburg, Schwerin, Stralsund, Gadebusch, Altenburg, Weimar, Torgau und Coburg.

Das Rohmaterial, eine Legierung aus Kupfer und Zink, wurde vorwiegend am Niederrhein und an der Maas produziert und in den Werkstätten von Rot-, Geschütz- und Glockengießern verarbeitet. Das eigentliche Gravieren besorgten Goldschmiede, Glockengießer, Bildhauer und Ornamentzeichner. Die wichtigsten Gruppen der mitteldeutschen Grabplatten sind:

 

Flandrische Platten

Sie wurden im 14. und 15. Jahrhundert im Messingindustriegebiet von Dinant angefertigt und künstlerisch im spätgotischen Stil ausgeführt. Gewöhnlich zeigen sie eine oder zwei Hauptfiguren und mehrere Nebenfiguren in einem Rahmen, der die Architektur der Zeit nachahmt. Je nach Stand ist die Hauptfigur als Kleriker, Ritter oder Bürger gekleidet, steht entweder auf einem Löwen, wilden Mann, halbtierischen Wesen oder bewaffneten Krieger, oder der Kopf ruht auf einem Kissen, das von Engeln getragen wird. Die Umrahmung besteht aus sich verjüngenden mehrstöckigen Seitenschäften, die die Spitzbogen tragen. In den Nischen stehen Figürchen von Aposteln, Heiligen und musizierenden Engeln. Eine Randschrift zwischen schmalen Kantenmustern wird durch Evangelistensymbole und Wappen unterbrochen. Die meisten flämischen Platten zeigen eine Jagdszene oder Heiligengeschichte zu Füßen des Verstorbenen. Muster von Blattwerk, Fratzen und Fabeltieren füllen die übriggebliebenen leeren Flächen.

 

Die Platten in Nordhausen

Eine Reihe von Gedenktafeln für die Urbach- und Wertherfamilien stammen aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Verglichen mit anderen Platten sind sie klein und tragen nur an drei Seiten eine Umschrift. Sie zeigen den Verstorbenen in der Mode der Zeit gekleidet, im Betstuhl kniend, die Hände gefaltet, den Kopf schräg nach oben gewandt. Wappen und Helm liegen am Boden. Die Szene, umgeben von spätgotischer Architektur mit Bogen, Wimpergen und Fenstern, ist schon perspektivisch gezeichnet. Der Hintergrund ist gepunzt.

 

Die Vischerplatten

Die Plastiken und Reliefs der Nürnberger Erzgießer Vischer sind weltberühmt. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden in ihrer Hütte unter Hermann Vischer d. Ä., hauptsächlich aber unter seinem Sohn Peter d. Ä., auch gravierte Grabplatten hergestellt. Waren die frühen, der Zeit entsprechend, noch handwerklich einfach, so erlangten die letzten technische und künstlerische Vollkommenheit. Die Tatsache, daß berühmte Maler wie Dürer und Lucas Cranach d. Ä. Entwürfe lieferten, hat sicherlich zur Qualität der Platten beigetragen. Die typische Vischerfigur steht auf einem Sockel oder Fliesenboden, der perspektivisch dargestellt ist, vor einem Brokatvorhang. Ein Bogen mit Laubwerk umgibt die Figur. Die Verstorbenen sind standesgemäß gekleidet, die Frauen in ihrer Witwentracht besonders beeindruckend.

 

Die Hilligerplatten

Im 16. und 17. Jahrhundert waren es die Hilligers, die als Hauptlieferanten des herzöglich-sächsischen Hauses die meisten Bronzeplatten herstellten. Ihre Kannen- und Geschützgießerei war zuerst in Freiberg, später auch in Dresden. Zwischen der Hütte und den Dresdner Hofmalern bestand eine enge Zusammenarbeit, so daß die meisten Vorzeichnungen von Künstlern wie Zacharias Wehme, Hans Fasold, Andreas Göding und Hans Krell angefertigt wurden. Man kann sogar von Porträtur sprechen, wenn man die Gestalten der Grabplatten mit den darüber knienden Plastiken der Fürstenehepaare in der Moritzkapelle des Freiberger Domes vergleicht. Auf den meisten dieser Platten steht die Figur unter einem Rundbogen. Betonte Licht- und Schattenseiten sind durch Schraffierung dargestellt. Die Männer tragen Paradeuniformen und die Frauen Kleider in der Mode der Zeit. Unter der Figur ist eine Schrifttatel in "Meißner Kanzleideutsch". Das Ganze ist von einem ornamentalen Rand umgeben, der sämtliche sächsische Wappen enthält, dazwischen Renaissanceornamentik: Engel und Putten, Fratzen, allegorische Anspielungen auf Namen, Todessymbole und Blumenmuster. Auch hier ist der Unterschied zwischen den ersten und späteren Platten in Technik und Präsentation augenscheinlich.

 

Ruth und Michael Tennenhaus

 


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