FRIEDHOF UND GRABMAL

von Wolfgang Neumann

Es ist ein Merkmal des Menschen, daß er die Gräber seiner Mitmenschen schützt und kennzeichnet, daß er seine Toten an ausschließlich dafür vorgesehenen Orten begräbt. Friedhof und Grabmal spiegeln jeweils den Umgang einer menschlichen Gemeinschaft mit dem Tod wieder. Damit sind sie historische aber auch aktuelle Dokumente, eine Darstellung ihrer historischen Entwicklung kann dem heutigen Betrachter dabei helfen, seine eigene Sicht auf diese "letzten Dinge" zu überdenken, sie vermag ihm schließlich die Gründe aufzuzeigen, warum Friedhöfe und Grabmale unserer Zeit vielfach ein unbefriedigendes Bild bieten.

Die Abteilung "Friedhof und Grabmal" im Untergeschoß des Neubaus dokumentiert die Entwicklung von Friedhof und Grabmal im deutschsprachigen Raum vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Der Rundgang führt in weitgehend chronologischer Folge durch die Seitengänge des Untergeschosses und mündet schließlich in den Mittelraum, der noch einmal großformatige Grabmale der verschiedenen Epochen zeigt.

Bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden die Toten allgemein in Kirche und Kirchhof (das die Kirche umgebende, mit Mauern oder Hecken eingefriedete Gelände) begraben. Darin drückt sich die Hoffnung der katholischen Christen aus, durch die Nähe zu den Heiligenreliquien und durch die Fürbitte der Gemeinde ihr Seelenheil zu erlangen. Aber auch in den evangelischen Gebieten waren, obwohl die Reformatoren die Lehre von Fegefeuer und Fürbitte verworfen hatten, Kirchen und Kirchhöfe die bevorzugten Begräbnisorte. Nur in Ausnahmefällen wurden außerhalb der Siedlungen Elendenfriedhöfe, Aussätzigen- und vor allem Pestäcker angelegt. Ehemalige Kirchenbestattungen lassen sich auch heute noch erkennen an den im Fußboden eingelassenen oder tumba-artig herausgehobenen Grabplatten, an Epitaphien und Grabmalen, die manchmal monumentale Ausmaße erreichen können.

Die katholischen Friedhöfe waren vielfach mit Hochkreuzen und Totenleuchten versehen, ihre Gräber mit hölzernen oder schmiedeeisernen Kreuzen gekennzeichnet. Bei den Protestanten fanden sich meist hölzerne oder steinerne, zum Teil umfangreich beschriftete Stelen. Den Kirchhöfen beider Konfessionen gemeinsam war das Beinhaus (Karner, Ossarium) zur Aufnahme der Gebeine, die bei Neubelegung der Gräber noch vorgefunden wurden.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzten sich in Zusammenhang mit der Aufklärung allmählich Forderungen durch, die die neu gewonnenen ästhetischen und vor allem hygienischen Erkenntnisse auf den Begräbnisstätten durchgesetzt sehen wollten. Im Laufe eines Jahrhunderts wurden die Kirchenbestattungen grundsätzlich verboten, die Kirchhöfe im Innern der Städte geschlossen und durch neue Friedhöfe vor den Toren ersetzt.

Bei der Gestaltung dieser Friedhöfe machen sich zeitgenössische Stilvorstellungen der Gartengestaltung, z.B. der englische Landschaftspark, bemerkbar. Ähnliches gilt für das Grabmalschaffen; so führte die Antikenrezeption des Klassizismus zu einer Vielzahl neuer Grabmalformen: Pyramide, Obelisk, Sarkophag, Urne etc., die das Kreuz zwar nicht verdrängten, aber doch zeigen, daß die christliche Jenseitsverheißung einiges von ihrer Überzeugungskraft verloren hatte.

Neben die bisher verwendeten Materialien: einheimischer Stein, Holz und Schmiedeeisen trat nun das Gußeisen. Damit wurden erstmalig in größerem Umfang Grabmale katalogmäßig angeboten.

Die Entwicklung vom individuell angefertigten Grabmal hin zur industriell fabrizierten, per Katalog angepriesenen, fast beliebig kombinierbaren Grabmalware aus Metall oder einem der immer öfter angebotenen ausländischen Hartgesteine, die nur noch mit Namen und Daten ergänzt werden muß, verstärkte sich erheblich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Periode ist nicht nur durch die zunehmende Industrialisierung, das Anwachsen der Städte und damit auch der Friedhöfe gekennzeichnet, sondern genauso durch das Absinken jeglicher Grabmal- und Friedhofskultur.

Als Reaktion darauf entstanden schon vor der Jahrhundertwende Ansätze einer Friedhofsreformbewegung, die sich einerseits in Friedhöfen wie dem 1877 eröffneten Parkfriedhof in Hamburg-Ohlsdorf oder dem 1905 begonnenen Münchner Waldfriedhof äußerte, andererseits in Gruppierungen wie der Wiesbadener Gesellschaft zur Abkehr von der historizistischen Formensprache und Rückbesinnung auf einheimische Materialien sowie individuelle Gestaltung führte. Der 1921 ins Leben gerufene Reichsausschuß für Friedhof und Denkmal und die seit seiner Nachfolge 1951 gegründete Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal verstanden und verstehen sich als organisatorischer Zusammenschluß aller an der Friedhofskultur interessierten und mitgestaltenden Kräfte.


Verzeichnis